1.1. Hochfest der Gottesmutter (2)

Paulus, der seine Briefe weit vor den Evangelien schreibt, interessiert sich noch nicht für die genauen Ereignisse bei der Geburt Jesu Christi. Er weiß nichts von einem Stall in Betlehem, nennt nicht einmal den Namen der Mutter Jesu. Aber doch formuliert er das zentrale Geheimnis des Weihnachtsfestes. Gott selbst wird Mensch. Jesus Christus ist nicht ein besonders von Gott erwählter Mensch, wie es sie zu allen Zeiten gibt, ein großer Prophet oder Heiliger. Nein. Jesus Christus ist Gott und Gott kam in die Welt wie jeder Mensch, geboren von einer Frau.

Vielleicht können diese schlichten Worte des Paulus uns helfen, das, was an Weihnachten geschehen ist, tiefer zu erfassen. Jesus Christus, Gott, Sohn Gottes, geboren von einer Frau. Gott selbst wird Mensch. Gottes Sohn wird Mensch, damit wir zu Söhnen und Töchtern Gottes werden. Gottes Sohn wird Mensch, um uns zu sagen, dass wir mündig sind, das Erbe Abrahams anzutreten. Wir sind Söhne und Töchter Gottes und als solche keine unmündigen Kinder mehr, die unter einer Vormundschaft stehen, sondern erwachsene Söhne und Töchter Gottes, die mündig geworden sind, das Erbe anzutreten.

Erbe zu sein, das bedeutet auch Verantwortung. Es geht nicht darum, das Ererbte nun mit vollen Händen auszugeben und sich ein schönes Leben zu machen. Unser Erbe ist es, erwachsene Söhne und Töchter Gottes zu sein und als solche in der Welt zu leben. Ein Anteil am Erbe ist Gottes Geist, der in uns die Verbindung zum Vater aufrecht hält und der uns zeigt, was der Vater von uns als Erben erwartet.

Leben wir als erwachsene Söhne und Töchter Gottes in der Welt, im Herzen stets mit unserem Vater verbunden, als Zeugen dafür, dass Gott das Heil der Menschen will. Stellen sie sich einmal vor, ihr Vater wäre ein reicher Mann, mit einem großen Vermögen, einer Fabrik, Häusern, viel Land und was sonst noch alles. Und noch dazu wäre ihr Vater ein liebender Vater, kein Tyrann, sondern ein Vater, der sich trotz seines großen Besitzes auch liebevoll um seine Familie kümmert. Ich denke, als Sohn oder Tochter eines solchen Vaters würden sie stolz sein und ein gesundes Selbstbewusstsein haben. Irgendwann wird ihr Vater ihnen das Erbe übertragen und dann liegt die Verantwortung an ihnen, das Werk des Vaters in seinem Sinne weiterzuführen.

Hören wir auf den Geist, der in unserem Herzen ruft: Abba, Vater. Hören wir auf den Geist, der uns sagt: du bist nicht mehr Sklave, du bist kein unmündiges Kind, sondern du bist ein erwachsener Sohn, eine erwachsene Tochter Gottes, du bist mündig und würdig, das Erbe anzutreten. Du gehörst Gott und Gott ist allezeit bei dir.

1.1. Hochfest Gottesmutter (1)

Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und dem Gesetz unterstellt, damit er die freikaufe, die unter dem Gesetz stehen, und damit wir die Sohnschaft erlangen.  (Gal 4,4-5)

Am Neujahrstag feiert die Kirche als Oktavtag von Weihnachten das Hochfest der Gottesmutter. An diesem Tag hören wir eine Lesung aus dem Galaterbrief. In diesem Brief beschäftigt sich Paulus besonders mit der Frage, welche Bedeutung das jüdische Gesetz für die Christen hat. Er ist davon überzeugt, dass die Menschen nicht durch Werke des Gesetzes gerettet werden, sondern allein durch den Glauben an Jesus Christus. Aber die Vorschriften des Gesetzes stehen in der Heiligen Schrift. Mit welchem Recht kann Paulus also eine Lehre verkünden, die dazu scheinbar im Widerspruch steht?

Paulus argumentiert damit, dass das Gesetz des Alten Bundes nur eine vorübergehende Bedeutung hatte. Abraham, der Stammvater Israels, hatte bereits wegen seines Glaubens das Heil von Gott erfahren, und nicht, weil er Werke des Gesetzes erfüllt hat. Gottes Verheißung des Heils ist damals bereits an alle ergangen, die wie Abraham den Glauben haben. Aber die Menschen waren von Abraham an bis zur Zeit des Paulus unmündigen Kindern gleich, denen zwar das Erbe des Abraham verheißen war, die aber noch nicht reif dafür waren, dieses Erbe anzutreten. Daher hat Gott das Gesetz gegeben, dem die Menschen bis zu ihrer Mündigkeit wie einem Vormund unterstellt sein sollten.

Als aber die Zeit erfüllt war, in der Gott die unmündigen Kinder zu mündigen Erben machen wollte, hat er seinen Sohn gesandt. Er hat das Vormundschaftsrecht des Gesetzes beendet und somit allen Menschen die Möglichkeit eröffnet, das Erbe anzutreten, das er einst Abraham verheißen hat, nämlich durch den Glauben zu Söhnen und Töchtern Gottes zu werden und so das Heil zu erlangen.

Wir wissen aus unserem Alltag, welche Bedeutung eine Testamentseröffnung hat, gerade bei wohlhabenden Leuten. Da geht es oft um viel Geld und Besitz. Eine Testamentseröffnung ist ein hochrichterlicher Akt. Daher hat Gott seine Testamentseröffnung auch nicht mal eben so erledigt, nicht durch einen Propheten oder einen noch so besonders auserwählten Menschen, sondern Gott kam selbst auf die Erde in seinem Sohn Jesus Christus.

Muttergottes vom Zeichen

Die Ikone der Muttergottes vom Zeichen („Znamenie“) ist eine der ältesten Mariendarstellungen. Wir sehen die Allheilige Gottesgebärerin mit zum Gebet erhobenen Händen und in einem Kreis (einer Aureole, welche die göttliche Macht symbolisiert) das segnende Kind, den göttlichen Erlöser. Sie zeigt Maria bei der Verkündigung durch den Engel. Es ist der Augenblick, in dem sie spricht: „Mir geschehe nach deinem Wort“, und dieses Wort in ihr Fleisch anzunehmen beginnt.

Hier erfüllt sich die Weissagung des Propheten Jesaja:

Darum wird euch der Herr von sich aus ein Zeichen geben: Seht, die Jungfrau wird ein Kind empfangen, sie wird einen Sohn gebären, und sie wird ihm den Namen Immanuel (Gott mit uns) geben.  (Jes 7,14)

Dieses Zeichen ist in seinem historischen Kontext zunächst dem zweifelnden König Ahas bestimmt, der den Heilsworten des Jesaja nicht glaubt. Sodann gilt es dem Volk Israel, das zur Zeit des Jesaja kurz vor der Eroberung durch die Babylonier steht und bald ins Exil nach Babylon geführt werden wird. In dieser schweren Zeit wird Gott sein Volk nicht verlassen und nach dem Untergang stets die Hoffnung auf einen Neuanfang lebendig halten.

Seine volle Erfüllung findet das von Jesaja angekündigte Zeichen aber in der Geburt des Gottessohnes aus der Jungfrau Maria. Gott schenkt allen Völkern sein Heil und erweist sich als der Gott mit uns für alle Menschen. Jeder Mensch kann Gottes rettende Gegenwart erfahren.

Er hat sein letztes, tiefstes und schönstes Wort Gestalt werden lassen. Und dieses Wort heißt: Ich liebe dich, du Welt, du Mensch. (Karl Rahner)

Die Gottesmutter wird in der Ostkirche manchmal als Platytera (größer als der Himmel) bezeichnet, weil sie den in ihrem Schoß getragen hat, den die Himmel nicht fassen können. Die drei Sterne auf dem Gewand symbolisieren ihre Jungfräulichkeit vor, während und nach der Geburt Jesu Christi. Die Ikone erinnert uns daran, dass sich hier noch im Leib seiner jungfräulichen Mutter, eingeschlossen in die Entsagung dieser Welt und gekleidet in die Erbärmlichkeit und Einfachheit des menschlichen Fleisches, der Hohepriester des neuen Bundes verbirgt: Christus, der König der Könige und Herr der Herren, Immanuel, Gott mit uns.

Gütige Mutter des gütigen Herrschers, allreine und gesegnete Gottesgebärerin Maria! Ergieße die Barmherzigkeit deines Sohnes und unseres Gottes in meine leidenschaftliche Seele und leite mich durch deine Gebete zu guten Werken, damit ich die verbleibende Zeit meines Lebens ohne Makel durchschreite und durch dich, Gottesgebärerin, das Paradies erlange, Du einzig Reine und Gesegnete.

13.5. Unsere Liebe Frau von Fatima

Fatima_4Vom 13. Mai bis zum 13. Oktober 1917 ist die Muttergottes bei Fatima in Portugal drei einfachen Hirtenkindern sechs Mal erschienen. Die Botschaften, die Lucia, Francisco und Jacinta damals empfangen haben, sind bis heute von größter Bedeutung für die ganze Welt. Betrachtet man die Marienerscheinungen der vergangenen Jahrzehnte, so nimmt das Geschehen von Fatima darin einen besonderen Rang ein, da das, was die Bedeutung der Marienerscheinungen in der neueren Zeit ausmacht, hier in besonderer Dichte und Prägnanz auftritt:

lebendige Verkündigung der biblischen Botschaft,

konzentrierte Darbietung wesentlicher Glaubenswahrheiten,

ernste Verpflichtung zu einem Leben nach den Geboten Gottes

Erhellung der Krisensituation der Menschheit.

Päpste sind nach Fatima gepilgert, zusammen mit Millionen von Gläubigen. Auf der ganzen Welt haben sich Fatima-Gebetskreise gebildet. Die Rettung der Seelen und der Friede der Welt, dafür zu beten ruft uns Maria in besonderer Weise auf:

Betet, betet viel, und bringt Opfer für die Sünder, denn so viele Seelen kommen in die Hölle, weil sich niemand für sie aufopfert und für sie betet.

Es ist der drängende Ruf Gottes an uns Menschen, den schon Jesus ausgerufen hat:

Kehrt um und glaubt an das Evangelium!

Nur durch die Umkehr können die Menschen gerettet werden. Das ist das Zeugnis der Heiligen Schrift. Ganz besonders in der Offenbarung des Johannes wird uns das Geschehen der Endzeit, die mit dem Kommen Jesu Christi angebrochen ist, als Kampf zwischen Gut und Böse vor Augen gestellt. Wer in der Bedrängnis standhaft bleibt im Glauben, der wird gerettet werden, und ewigen Frieden finden.

Friede entsteht nicht von selbst. Friede kommt allein von Gott, wenn Menschen seinen Willen tun. Fatima ist eine Botschaft des Friedens:

Wenn man tut, was ich euch sage, werden viele Seelen gerettet, und der Friede wird kommen.

Gott will uns seinen Frieden schenken. Jesus sagt zu seinen Jüngern:

Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. (Joh 14,27)

Das erste Wort des Auferstandenen an die Jünger ist der Wunsch des Friedens. Gott ruft uns zum Frieden, er will der Welt seinen Frieden geben und den Menschen das Heil schenken.

Gott hat aus Liebe diesen drängenden Aufruf seiner Barmherzigkeit an uns gerichtet mit dem Ziel, uns zu helfen auf dem Weg unseres Heils. (Sr. Lucia)

Papst Johannes Paul II. hat es in besonderer Weise dem Schutz Mariens zugeschrieben, dass er das auf ihn verübte Attentat am 13. Mai 1981 überlebt hat. Unter der blauen Weltkugel der Statue der Muttergottes in der Erscheinungskapelle von Fatima wurde bei seinem Besuch am 13. Mai 1982 jene Kugel angebracht, welche nach dem Attentat auf dem Petersplatz aus seinem Körper herausoperiert wurde. Er hat die Botschaft von Fatima ernst genommen und die Weihe der Welt an das Unbefleckte Herz Mariens vollzogen. In einem von ihm verfassten Gebet heißt es:

O Mutter der Menschen und der Völker, Du kennst all ihre Leiden und Hoffnungen, Du fühlst mit mütterlicher Anteilnahme alles Kämpfen zwischen Gut und Böse, zwischen dem Licht und der Dunkelheit, von der die Welt befallen ist – erhöre unseren Ruf, den wir im Heiligen Geist unmittelbar an Dein Herz richten. Umfange mit der Liebe der Mutter und der Magd des Herrn jene, die diese liebende Zuneigung am meisten ersehnen, und zugleich auch diejenigen, auf deren Vertrauen Du besonders wartest! Nimm die ganze Menschheitsfamilie, die wir mit liebender Hingabe Dir, o Mutter, anvertrauen, unter Deinen mütterlichen Schutz. Mögen allen Menschen Zeiten des Friedens und der Freiheit, Zeiten der Wahrheit, der Gerechtigkeit und der Hoffnung beschieden sein!