Das Hohelied

Das Hohelied, auch „Lied der Lieder“ genannt, wird wie das Buch der Sprichwörter, das Buch Kohelet und das Buch der Weisheit dem König Salomo zugeschrieben. Doch auch wenn im Buch von einem König und auch von Salomo die Rede ist, ist diese Zuschreibung nicht haltbar. Sie ist in einem fiktiven Sinn zu verstehen, da Salomo zur Zeit der Abfassung des Buches zu einem Synonym für den Weisen schlechthin geworden ist. Der königliche Hintergrund soll auch zeigen, dass sich die Liebe hier auf höchstem Niveau abspielt und vor diesem Hintergrund letztlich auch würdig ist, zum Bild für die Liebe Gottes zu seinem Volk zu werden. Es wird von einer Abfassung in nachexilischer Zeit, wahrscheinlich im 3. Jahrhundert vor Christus, ausgegangen.

Das Hohelied singt in hochpoetischer Sprache von der Liebe zwischen Mann und Frau, zwischen Braut und Bräutigam. Bereits im Judentum wurde diese Liebe als Bild für die Liebe Gottes zu seinem Volk gedeutet, was ein wichtiger Grund dafür war, dass dieses Buch Eingang gefunden hat in den Kanon der Heiligen Schrift. Im Christentum setzt sich diese allegorische Deutung fort und so wurde das Hohelied zu einem der am häufigsten kommentieren Bücher der Heiligen Schrift. Auch für die im frühen Mittelalter aufkommende Marianische Frömmigkeit spielte es eine wichtige Rolle.

Erst in der Neuzeit verlor das Buch an Bedeutung. Damals setzte ein Wandel im Verständnis der Liebe zwischen Mann und Frau ein und man verlor auch allmählich das Verständnis für allegorische Deutungen. Wenn daher der Zugang für uns Menschen heute mühsam erscheint, lohnt es sich dennoch, dieses einzigartige Buch neu zu entdecken. Wir werden zwei Liebende darin finden, sie sich sehnsüchtig suchen, die einander finden, wieder getrennt werden und am Ende dann auf ewig vereint sind. Wir können die Worte des Buches zunächst konkret verstehen und darin zwei liebende Menschen sehen, doch dann müssen wir auch den Sprung wagen, darin den liebenden Gott zu sehen, der um unsere Liebe wirbt und uns zu sich hinziehen möchte.

Wir können die Texte nur verstehen, wenn wir selbst etwas von der Liebe verstanden haben. So schreibt Bernhard von Clairvaux:

Dieses Buch hebt sich von den übrigen Büchern der Heiligen Schrift deutlich ab. Man hat in diesem Hochzeitslied weniger auf die Worte zu achten, die es sagt, als vielmehr auf die Empfindungen, die es ausdrücken will. Der Grund leuchtet ein. Die heilige Liebe, die den einzigen Inhalt dieses ganzen Buches bildet, ist nicht nach Wort uns Sprache, sondern nach Tat und Wahrheit zu bewerten. Liebe spricht aus jeder Zeile, und wenn jemand verstehen möchte, wovon darin die Rede ist, so liebe er! Wer nicht liebt, der hört und liest das Buch von der Liebe umsonst, denn ein kaltes Herz vermag eine feurige Rede schlechthin nicht zu fassen. Wer kein Griechisch oder Latein gelernt hat, kann keinen verstehen, der griechisch oder lateinisch spricht. So bleibt auch die Sprache der Liebe dem, der nicht liebt, wildfremd.

Die Sprache der Liebe ist auch die Sprache, die wir in unserem Reden über die Gottesmutter verwenden. Wenn wir die Texte des Hohenliedes im marianischen Sinn deuten, dann deshalb, weil Maria zum Urbild des erlösten Menschen geworden ist. In Maria zeigt sich auf exemplarische Weise, wie jeder Mensch die Liebe auf vollkommene Weise leben kann. Maria ist die Gott-Liebende und sie wird zum Vorbild für jeden Menschen, der die Liebe in ihrer höchsten Form leben möchte. Sie war bereit, auf Gottes Wort zu hören, sie sprach ihr Ja zu seinem Willen und sie lebte dieses Ja in vollkommener Weise. Sie ist die Makellose, die frei ist von jeder Sünde, das Urbild des erlösten Menschen, der nach der Taufe in vollkommener Reinheit vor Gott steht. Sie zeigt uns den Weg, diese Reinheit im Leben zu bewahren und sie ist uns vorangegangen zu ihrem Sohn, der uns alle in sein Himmlisches Reich aufnehmen möchte.

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